Ultimo: Uni-special

Wintersemester 2000

Touch down-town

In bielefeld gehört geschäfte-gründen zum studium 

Es ist nicht alles IT wo´s los geht. Man kann auch als Pädagogin ein ganz schön innovatives Unternehmen betreiben. Oder als Dipl. Soz. ein komplettes studienbegleitendes Bildungs-Konzept ins Ausland exportieren.

Annette Traude und Josef Steffens von der Bielefelder unternehmensschmiede sind jedenfalls ganz schön stolz auf ihren, mit Ministeriumsgeldern finanzierten, lokalen Modernisierungs-Schub. Keine Universität könne sich heute nur noch auf Forschung und Lehre beschränken. Jede habe schon in den 80ern angefangen, mit sogenannten Transfer-Stellen wissenschaftliche Ergebnisse in die verwertende Wirtschaft einzubringen. 

Transfer-Stelle 

Und Bielefeld sei jetzt eben dabei, den Transfer-Weg noch einmal abzukürzen, und Hochschul-Absolventen gleich zu Existenz-Gründern umzuschulen. Schließlich seine die Chancen auf eine unbefristete Anstellung im akademischen Bereich nahe null, und viele Dipl. und Dr. hätten sich eh längst freiberuflich, „fast wie Unternehmer“ von Auftrag zu Auftrag bewegt. Da lag der Schritt zur Gründungs-Offensive nahe. Und zerfiel sofort in mehrere Teile: dem „normalen“ Studenten sagen sie in der Regel „Schade, dass sie nicht eher gekommen sind“. Eigentlich vom ersten Semester an könne man kostenlos nutzen, was Unternehmensberater, Wirtschaftswissenschaftler, Kommunikationstrainer etc. an Vorträgen oder Business-Plan-Spielen anbieten. 

Brutkasten 

Absolventen mit festen Ideen werden in Einzelberatungen auf Marktreife getestet („Ein Schreibbüro - mmh – nicht in dieser Welt“) und vorsichtig auf die grossen und die feinen Unterschiede zwischen Uni und Wirtschaft, abhängiger und selbständiger Beschäftigung hingewiesen („Die Krawatte? Nur als Chef“). Das richtige Feuer der Schmiede aber ist das Innovations-Transfer-Institut. Das ist erstens selbst schon eine „Ausgründung“, ein privates Unternehmen mit starkem Akademischen Anschub, und produziert zweitens viele kleine Profit-Center unter einem gemeinsamen Dach. Alles, was sich Unternehmen teilen können, erledigt die Zentrale, alles was nur ein Unternehmen leisten kann, kann es auf eigene Rechnung tun. Und mit eigenem Geld. Die U-Schmiede besorgt kein Risiko-Kapital, sondern kauft höchstens mal ein paar hundert Adressen für das erste Direkt-Mailing. Knapp 40 Ideen kochen da im Inkubator, etwa doppelt so viele Unternehmer im Training gewöhnen sich ans Geldverdienen („und ans früh Aufstehen – wir hatten welche, die sich nach der Testphase erleichtert von der Industrie abwerben liessen“). 

Trainingslager 

Das Ideen-Spektrum ist breit, aber noch etwas weich. Vom ambulanten Fitness-Studio mit Wellness-Event-Management bis zur Medienpädagogischen Full-Service-Begleitforschung (die Landesinitiative Schulen ans Netz etwa kaufte in Bielefeld Kompetenz zu), vom Marktforschungsladen „für alles unterhalb Emnid“ bis zur Lernsoftware für Gentechnik-Laboranten... der richtige Knaller ist noch nicht dabei, aber die Biotechnologen schwenken schon mal die Reagenzgläser, einige Professoren der Uni brauchen die Starthilfe gar nicht, und die Fachhochschulen stossen auch erst allmälich dazu. 

Leuchtturm 

Die Produkte werden in Zukunft deutlich „härter“ werden. Die Produktionsstelle selber ist bereits erfolgreich. Einen Bundespreis hat das Bielefelder Modell der Existenzgründungs-Förderung zwar nicht bekommen, und hinter dem hippen Stuttgarter Exist-Netzwerk Push mit über 100 Neugründungen im ersten Jahr – oder dem Bundesdurchschnitt von 18,7 pro Jahr und Hochschule – liegt man hier auch deutlich zurück...aber eine Expertenkommission der EU hat die Unternehmensschmiede gerade als Leuchtturmprojekt in Start-Up-Fragen ausgezeichnet. Und die Universitäten in Paris und Valencia wollen es übernehmen. Bei der Nachfrage könnte sich die Bielfelder Schmiede schon fast ein Profit-Center in der eigenen GmbH leisten. 

Konkurrenzen 

Ein Markt für die Selbständigen-Anschieberei ist offensichtlich da: sogar im eigenen Haus beleben Mitbewerber das Geschäftsgründungs-Geschäft. Unter dem Motto „Weiblich, gebildet, selbständig“ – spielt etwa das Interdisziplinäre Frauenforschungs-Zentrum locker auf einen Film an, wohl vergessend, dass das ein Thriller war. So wie die „Existenzgründung als Option speziell für Frauen“ etwa?

Mit den branchenüblichen Unternehmensberaterinnen, Kommunikationstrainerinnen („ein bisschen sind unsere Veranstaltungen Kunden-Akquise für die“) und Fördergeldern veranstalten die Frauenforscherinnen eine kostenpflichtige Workshop-Reihe, die von „Was will ich eigentlich“ (= Konkretisierung der Zielvorstellung) bis „Wer bezahlt mir das?“ (=Akquisetechnik) reicht.

Und hoffentlich auch den obersten Lehrsatz alles Gründer-Väter und –Mütter streift: nach 5 Jahren sind 50% alles Start-Ups wieder weg vom Markt.      WING

 

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