Handelsblatt

26./27.03.2004

Wissenschaft schlägt Brücke zur Wirtschaft - Forschung orientiert sich stärker am Markt

Ganz Deutschland beklagt die Emigration seiner klügsten Köpfe in die USA. Ganz Deutschland muss auf Spitzenwissenschaftler verzichten. Ganz Deutschland? Nein. Nordrheinwestfalen gelang eben erst ein bedeutender Fang. Nach fünf Jahren an der University of Pennsylvania übernimmt Hans Schöler zum 1. April die Leitung des Max-Planck-Instituts für Vaskuläre Biologie in Münster. Der Stammzellenforscher, der im vergangenen Jahr die Wissenschaftswelt in Aufruhr versetzte, weil es ihm gelang, Mäuse-Eizellen herzustellen, entschied sich gegen die USA und für Münster - Brain Gain statt Brain Drain in NRW.

"Die Stärke auf dem Gebiet der außeruniversitären Forschung hebt ganz Deutschland von anderen Staaten ab", sagt NRW-Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft. "Diesen Wettbewerbsvorteil auch gegenüber den USA müssen wir besser nutzen." So sei es dem Land gelungen, sowohl an universitären wie auch außeruniversitären Einrichtungen Forschungsschwerpunkte herauszubilden. Neben dem Gebiet der Life Science wurde in der Nanotechnologie Beachtliches geleistet. Weitere Schwerpunkte sind die Umwelt- und Energieforschung und die Informations- und Kommunikationstechnologien. Auch auf den Gebieten Verkehr und Mobilität sowie Materialwissenschaft und Produktionstechnik stellt die Landesregierung Geld für sogenannte Forschungs-Cluster zur Verfügung. 

Wissenschaftlichen Spitzennachwuchs will die Landesregierung mit den sogenannten Graduate Schools heranziehen. Pro Jahr sollen hier rund 20 Nachwuchsforscher möglichst schnell promovieren, unterstützt von Vollstipendien und intensiv betreut. Aber auch unter ausländischen Hochschülern sind die NRW-Universitäten beliebt. Die Zahl der Studenten, die ihre Hochschulreife nicht in Deutschland gemacht haben, ist in den vergangenen vier Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen. Mittlerweile studieren hier mehr als 37.000 Ausländer.

Die Brücke zur Wirtschaft schlägt seit 1996 ein Existenzgründer-Programm für Hochschüler. 2003 konnte die zweihundertste Gründung eines Unternehmens gefeiert werden. Insgesamt wurden 800 Arbeitsplätze geschaffen. Auch die Forscher an den Universitäten entwickeln jetzt mehr für die Praxis. Im vergangenen Jahr konnte die landeseigene Patentvermarktungsagentur Provendis GmbH 250 Neuheiten verbuchen. Und bei immerhin einem guten Viertel der Erfindungen glauben die Gutachter der Provendis, dass sich damit Geld verdienen lässt. Das Bewusstsein habe sich verändert, sagt Alfred Schillert, Geschäftsführer von Provendis: " Die Forschung wird immer mehr markt- und ergebnisorientiert."

Einzigartige Initiative fördert "Patentkultur"

Die Hochschulen werden auch selbst aktiv. So hat sich 2003 an den Universitäten Bielefeld, Münster, Dortmund und Paderborn eine Initiative gebildet, die in der Bundesrepublik einzigartig ist. "POWeR" – Die Patenoffensive Westfalen-Ruhr – will "Patentkultur entwickeln". Unternehmen geben einen Problembereich vor, die Hochschulen bilden dann Think Tanks, die eine vermarktungsfähige Idee entwickeln sollen.
Die Begeisterung und das Interesse unter den Wissenschaftlern ist groß. "Wir müssen nicht kämpfen, es gibt ganz viele, die großes Interesse an solchen Projekten haben", sagt Burckhard Kaddatz, Leiter der Transferstelle der Universität Bielefeld. "Wir müssen eher aufpassen, nicht zuviel Werbung zu machen."

(Carolyn Braun)

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